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Fibromyalgie

Synonyme

FM
Das Fibromyalgiesyndrom ist durch multiple Muskelschmerzen, Druckempfindlichkeit der Muskelansatzstellen, Ermüdung, Schlafstörungen und psychische Veränderungen gekennzeichnet. Man unterscheidet ein primäres von einem sekundärem (im Zusammenhang mit anderen, chronischen Erkrankungen auftretend) Fibromyalgiesyndrom.
1904 wurde dieses Zustandsbild zum ersten Mal beschrieben und als "generalisierte Fibrositis" bezeichnet. 1990 wurde vom ACR Diagnosekriterien definiert, die auch heute noch zum Einsatz kommen.
Die Prävalenz dürfte ca. 2% betragen, wobei aufgrund der unterschiedlichen Kriterien keine genaue Angabe zur Häufigkeit möglich ist.
Bekannt ist, dass die Häufigkeit mit dem Alter abnimmt, wobei ein Manifestationsgipfel in der 3. und 4.Lebensdekade besteht, und dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

Die Ätiopathogenese ist bisher weitgehend unbekannt. Im Zusammenhang mit bestimmten Infektionen, wie dem HI-Virus oder Borrelien ist eine gewisse Häufung zu beobachten. Des Weiteren scheinen psychischer Stress und chronische Schmerzzustände eine triggernde Rolle zu haben.
Typisch für die FM sind Schlafstörungen, wobei der NREM (α-δ-Schlaf) gestört ist. Die Folge davon konnte eine ungenügende Erholung sein.
Auch Hormonstörungen könnten eine Rolle spielen, wobei gezeigt werden konnte, dass Tryptophan im Serum von Patienten sowie Serotoninmetaboliten im Liquor vermindert sind. Auch fanden sich Antikörper gegen Serotonin. Des Weiteren könnten Störungen in der Hypothalamus-Hypophysen-Achse vorliegen, nämlich eine Störung des Cortisol-Tagesrhythmus sowie Veränderungen des Somatomedin-C-Spiegels.
Von Seiten des Muskelstoffwechsels fanden sich verminderte intramuskuläre ATP- und Phosphokreatinkonzentrationen und Zeichen einer lokalen Hypoxie. Auch Störungen der präterminalen Nervenfasern konnten nachgewiesen werden. In Biopsien von "tender points" fanden sich Kollagenhüllen um die Nervenfasern, was eine Verminderung des Kollagen-Abbaus nahe legt.
Von psychischer Seite finden sich ebenfalls Auffälligkeiten, die ein stärkeres Schmerzempfinden zur Folge haben können. So leiden Fibromyalgie-Patienten gehäuft an Depressionen, Medikamentenmissbrauch und Essstörungen.
Zusammenfassend handelt es sich bei der FM um eine Störung, die durch chronischen physischen und/oder emotionalen Stress verursacht wird und über den Einfluss auf höhere zerebrale Zentren zu Störungen der neuroendokrinen Regulation führt.

Generalisierte Muskelschmerzen, Müdigkeit, Leistungsabfall und Schlafstörungen sind die Leitsymptome. Typisch ist ein schleichender Beginn mit einer Dauer von 5-7 Jahren zwischen dem Auftreten der ersten Beschwerden und dem Vollbild. Die Patienten klagen über das Gefühl einer Muskelsteifigkeit und sehr häufig über depressive Verstimmungen. Unspezifische Begleitsymptome können sein Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Kälteempfindlichkeit, Dysmenorrhoe, Globusgefühl, Migräne, funktionelle Herz- oder gastrointestinale Beschwerden.
Klinisch auffallend ist eine ausgeprägte Druckempfindlichkeit der Muskulatur und ihrer Ansatzstellen. Unter "tender points" versteht man 18 umschriebene Punkte mit erhöhter Druckempfindlichkeit an Muskeln, Muskelinsertionen und Bursen. Der übrige physikalische Status ist unauffällig, mit Ausnahme einer gelegentlich zu beobachtenden schnellen Ermüdbarkeit der Muskulatur.
Blut- und Harnbefunde sind normal.
Die bildgebenden Untersuchungen sind allesamt unauffällig.
Mitunter finden sich in elektromyographischen Untersuchungen unspezifische Befunde, wie sie auch bei untrainierten, gesunden Probanden auftreten können.
Klinisch ähnlich, jedoch mittels Laborbefunde klar differenzierbar, sind die entzündlichen Muskelerkrankungen; hingegen ist eine Abgrenzung zu Myalgien und Myopathien anderer Genese, z.B. endokrinologisch, metabolisch oder medikamentös-toxisch, Myalgien bei Virusinfekten, bei Parkinson-Syndrom, bei Chronic-fatigue-syndrom, im Rahmen einer Osteoporose oder von Neoplasien, schwieriger.
Auch die Borreliose bereitet differentialdiagnostische Schwierigkeiten, zumal einerseits eine Assoziation der FM mit Borreliose vorzuliegen scheint, und andererseits eine Borreliose auch zu generalisierten Myalgien führen kann. Auffälligkeiten im Labor und in elektroneurographischen Untersuchungen erlauben dann jedoch meist eine klare Abgrenzung.
Die regionären Tendomyopathien unterscheiden sich durch ihre klar abgegrenzte Lokalisation, das Vorliegen von "trigger points" mit ausstrahlenden Schmerzen sowie meist vorliegende Störungen der betroffenen Gelenke, Sehnen oder Bursen.
Ein Hypermobilitätssyndrom muss ebenso als Ursache von Muskel- und Sehnen-Bänder-Schmerzen ausgeschlossen werden.

Die Basis der Therapie sind eine adäquate Psychotherapie, Krankenheilgymnastik und ergotherapeutische Maßnahmen.
An medikamentöser Therapie konnte für Antidepressiva eine Wirkung nachgewiesen werden, wobei Amitriptylin, Nortriptylin oder Trazodon zur Anwendung kommen. Mitunter kann auch das Muskelrelaxans Cyclobenzaprin versucht werden.
Analgetika und Antiphlogistika sind von untergeordneter Bedeutung. Für Glukokortikoide besteht keine Indikation.
Lokale Infiltrationstherapien können gelegentlich nützlich sein.